“Vom System nicht überzeugt“

Nach Riesen-Wirbel um Wiesn-Abrechnungen: Handelt jetzt Münchens OB?

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Im Himmel der Bayern: Oberbürgermeister Dieter Reiter zweifelt an der Umsatzpacht für Wiesnwirte. Die Abrechnung ist ihm zu kompliziert und dadurch zu wenig.

Kürzlich wurde bekannt, dass neben Wiggerl Hagn wohl weitere Wirte zu wenig Geld an die Stadt überwiesen hatten. Schafft OB Dieter Reiter die Umsatzpacht wieder ab? Grundsätzlich sei er von dem System nicht überzeugt.

Update vom 10. April 2019: Das Gerangel um das Löwenbräuzelt auf dem Oktoberfest scheint zu Ende. Nun wird bekannt, dass Stephanie Spendler ihrem Vater Wiggerl Hagn nachfolgen und Wirtin im Löwenbräuzelt werden soll.

Update 18. Januar 2018: Ärger um die Umsatzpacht – jetzt schäumt auch der OB. Dieter Reiter (60, SPD) sagte uns: „Grundsätzlich war und bin ich vom System nicht überzeugt, weil die Pacht in der Abrechnung sehr kompliziert und aufwendig ist.“ Schafft der Rathaus-Chef die neue Regel wieder ab? Wie berichtet, war bei einer Routinekontrolle aufgefallen, dass Löwenbräuwirt Wiggerl Hagn seinen Umsatz um rund zwei Millionen Euro zu niedrig angegeben haben soll. Dadurch sind der Stadt wohl 110.000 Euro Pachteinnahmen entgangen.

Reiter hatte veranlasst, bei allen Wirten noch einmal genau hinzuschauen. „Die Nachmeldungen zeigen offensichtlich, dass es nicht ganz falsch war“, sagt der Rathaus-Chef. Denn noch bevor die Nachprüfung begonnen hat, haben drei weitere Wirte der Stadt freiwillig Nachzahlungen gemeldet. Es soll sich um Beträge im vier- bis fünfstelligen Bereich handeln. Reiter: „Bevor ich mir aber ein Urteil darüber erlaube, wieso bestimmte Umsätze nicht angegeben wurden, werde ich das Ergebnis der Prüfung abwarten.“

Von den Wirten hat lediglich Eduard Reinbold vom Schützenzelt die Nachzahlung bestätigt. Es sei um kleinere Korrekturen gegangen. Wer sonst noch betroffen ist, war nicht zu erfahren. Wirte-Sprecher Peter Inselkammer (Armbrustschützenzelt) sagte: „Wir sind im konstruktiven Austausch mit der Stadt.“ Viele Detailthemen seien noch zu klären, oftmals ergäben sich Fragen auch erst, wenn eine neue Regelung praktisch umgesetzt wird. Ferner sei die Idee unsinnig, Umsätze falsch anzugeben, um sich Pacht zu sparen. Sei die Summe in einem Jahr zu niedrig, werde die Pacht im darauffolgenden Jahr angepasst. „Das ist ein Nullsummenspiel für uns.“

CSU-Bürgermeister Manuel Pretzl sieht gleichwohl Vorteile der Pacht. „Sie ist prinzipiell keine schlechte Idee. Der Stadtrat hätte die Abrechnung auch gerne einfacher gehabt.“ Die Komplexität des jetzigen Systems sei den Wünschen der Wirten geschuldet. „Die wollten es differenzierter.“

Falsche Umsätze: Weitere Wiesnwirte räumen Versäumnisse ein

Update 17. Januar 2018: Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung bewegt sich die zu entrichtende Summe im vier- bis unteren fünfstelligen Bereich. Bereits im vergangenen September war bekannt geworden, dass das Löwenbräuzelt mit Wirt Wiggerl Hagn das Freibier und Bedienungsgeld nicht richtig deklariert hatte und somit 110.000 Euro nachträglich an die Stadt abführen musste. Der einzige Wirt, der sein Versäumnis aktuell offen einräumt, ist Eduard Reinbold vom Schützenzelt. Er weist aber darauf hin, dass in den Abrechnungsmodalitäten „manches nicht ganz klar“ geregelt sei.

Das Schützenfestzelt von Eduard Reinbold. Auch hier wurden nicht alle Umsätze ordnungsgemäß ermittelt.

Auch Wirtesprecher Peter Inselkammer sieht „noch Klärungsbedarf, was die Regelungen zur Umsatzpacht angeht“. Dennoch steht fest, dass die drei Wirte erst dann aktiv nachrechneten, als das Wirtschafsreferat angekündigt hatte, die Unterlagen aller Wiesnbetreiber erneut zu überprüfen.

„Mein Ruf ist jetzt schon ruiniert“ - Wiesnwirt Wiggerl Hagn geschockt über Betrugs-Vorwürfe

Update vom 12. Dezember 2018, 21.49 Uhr: Wiesnwirt Wiggerl Hagn ist geschockt und schwer angeschlagen. „Mein Ruf ist jetzt schon ruiniert“, stellt der 79-Jährige traurig fest. „Ich gelte als der Betrüger der Stadt und kann mich nicht mal wehren.“ Offen spricht der Chef vom Löwenbräuzelt über sein Problem und über seine Verlustängste.      

Wiesn-Hammer bahnt sich an: Dienstältestem Festwirt droht Aus - „Würde mich hart treffen“

Update vom 12. Dezember. 07.50 Uhr: Nach 63 Jahren auf der Wiesn droht dem dienstältesten Festwirt das Aus. Offenbar überlegt der Stadtrat, Wiggerl Hagn künftig nicht mehr zuzulassen. Über das mögliche Aus des Löwenbräu-Wirts berichtet die Bild.

Bei der Überprüfung von Hagns Umsatzpacht waren im September Ungereimtheiten festgestellt worden (Bericht unten). Man warte nun auf den Abschlussbericht der Wirtschaftsprüfer.

„Es würde mich hart treffen. Ich hoffe, es geht gut für mich aus“, kommentiert Hagn das drohende Aus. Seine Bewerbung für die Wiesn 2019 will der 78-Jährige auf jeden Fall einreichen. „Es ärgert mich wahnsinnig, dass ich ‚Fehler‘ gemacht habe“, hofft der Löwenbräu-Wirt auf die Gnade des Stadtrats.

Reiter und Grüne klagen über „passives“ Wirtschaftsreferat 

Update vom 10. Dezember 2018: Der Hintergrund: bei einer stichprobenartigen Kontrolle im September war herausgekommen, dass Wiesn-Wirt Wiggerl Hagn zu wenig Umsatzpacht an die Stadt abgeführt hatte. (siehe Meldung unten). Der 78-Jährige soll seinen Umsatz um rund zwei Millionen Euro zu niedrig angegeben haben und daher rund 100.000 Euro nachzahlen. 

Löwenbräu-Wirt Wiggerl Hagn droht das Wiesn-Aus.

Wie unsere Zeitung bereits im September berichtet hatte, lehnte es das für die Wiesn zuständige Referat für Arbeit und Wirtschaft aber ab, alle Festzelt-Betreiber zu kontrollieren, weil bei einem Unregelmäßigkeiten aufgetaucht waren. Der damalige Wiesn-Chef Josef Schmid (CSU) sagte unserer Zeitung: „Aufgrund der bisherigen Prüfungen gibt es heuer keine weiteren Überprüfungen anderer Betriebe als die bereits erfolgten Stichproben.“ OB Reiter und den Grünen reicht dies nicht. 

„Für die Passivität des Wirtschaftsreferats gibt es keine vernünftige Rechtfertigung“, sagt Grünen-Chefin Katrin Habenschaden. „Gerade nachdem die Aufdeckung von Mängeln bei der Abrechnung eines großen Festzeltes Fehler auch im systemischen Bereich nahegelegt hat, stünde das Wirtschaftsreferat in der Pflicht, weitere Stichproben vorzunehmen. Ähnlich argumentiert Reiter. „Wenn bei einer stichprobenartigen Untersuchung minimale Unregelmäßigkeiten durch eine unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft festgestellt werden, erscheint es mir sinnvoll, sämtliche Festzeltbetriebe zu prüfen.“ Dies sei die Stadt nicht nur der Öffentlichkeit, „sondern auch den sicherlich überwiegend korrekt abrechnenden Wiesnwirten“ schuldig. 

Schmid sagte auf Anfrage unserer Zeitung, er verstehe die Forderungen zu diesem Zeitpunkt nicht. „Ich wundere mich. Ich hatte das Thema damals in der Mittagsrunde vorgebracht, aber niemand, auch nicht die SPD, hatte eine Veranlassung gesehen, alle Wirte zu prüfen.“ Dies sei auch unnötig, so der Ex-Wiesn-Chef. „Wir haben eine Plausibilitätsprüfung aller Wiesn-Wirte durchgeführt. Bis auf den einen Fall gab es keinerlei Anhaltspunkte für weitere Prüfungen.“ 

Hagn nach Anschuldigungen am Boden zerstört

Update 27. September 2018: Wiesn-Wirt Wiggerl Hagn (78) zeigt sich einen Tag nach Bekanntwerden der Nachprüfung seiner Zelt-Zahlen tief betroffen. „Die ganze Familie ist am Boden zerstört“, sagte der Wirt des Löwenbräu-Zelts der tz. Er habe auf keinen Fall betrügen wollen. Wie die tz am Mittwoch berichtet hatte, soll der dienstälteste Wiesn-Wirt möglicherweise zu wenig Umsatzpacht an die Stadt überwiesen haben. Die müssen die Wirte seit 2017 abführen. Daher gabs eine Nachprüfung seiner Zahlen. 

Hagn ist im Zelt für die Umsätze sowie den Warenein- und -ausgang zuständig, Tochter und ebenfalls Festwirtin Stephanie Spendler (51) kümmert sich um die Gäste. Die Familie ist als sehr menschlicher Gastgeber bekannt. Hagn sagte, er habe sich mit seinem Steuerberater besprochen, was in die Umsatzmeldung an die Stadt alles hineinmüsse. Außerdem habe er die Stadt bei der Abgabe darauf hingewiesen, zu prüfen, ob er alles richtig angegeben habe. 

Welche Konsequenzen hat die möglicherweise fehlerhafte Umsatzangabe?

Bei der Differenz geht es wohl um einen Betrag im fünfstelligen Bereich. Welche Konsequenzen die möglicherweise fehlerhafte Umsatzangabe für ihn hat, ist noch unklar. Das Löwenbräuzelt ist ein Brauereizelt. Das heißt: Hagn ist von der Brauerei als Wirt eingesetzt und hat auch mit ihr die Verträge abgeschlossen. Er habe seine Abrechnung an die Brauerei gegeben, diese habe sie an die Stadt weitergeleitet, so Hagn. Die Wirte der Brauereizelte werden nicht von der Stadt bepunktet, können also durch eine schlechtere Punktzahl auch nicht vom Oktoberfest verdrängt werden. 

Wirtesprecher Peter Inselkammer (Armbrustschützenzelt): „Das Ganze ist derzeit in der Prüfungsphase. Deswegen ist noch unklar, was rauskommt. Klar ist: Alles, was wie die Umsatzpacht neu ist, ist noch nicht optimiert - und es können Fehler passieren.“ Neben Hagn sind stichprobenartig auch das Alte Brauhaus (Weißbiergarten) und „Zur Bratwurst“ geprüft worden - aber ohne konkreten Anlass. „Wir sind schon seit Jahren selbstständig“, sagt Stefanie Hohmann (37), Betreiberin des Alten Brauhauses, „da muss man die Karten regelmäßig offen auf den Tisch legen.“ Deshalb sei sie auch nicht sonderlich überrascht gewesen, als ein externer Wirtschaftsprüfer im Auftrag der Stadt an ihre Tür klopfte. Um die Abwicklung habe sich dann ihr Steuerberater gekümmert. „Das war keine große Sache“, sagt Hohmann, „wir mussten nichts angeben, was die Behörden nicht ohnehin schon gewusst haben. Umsatz, Lieferscheine - das war’s.“ 

Dass ihr Kollege Wiggerl Hagn vorsätzlich gehandelt hat, kann sich die 37-Jährige nicht vorstellen: „Da muss es sich um ein Missverständnis handeln. Alles andere würde keinen Sinn ergeben.“ Auch Festwirt Werner Hochreiter („Zur Bratwurst“) musste seine Zahlen offenlegen. Überrascht sei er nicht gewesen: „Wir wussten ja alle, dass wir geprüft werden. Dass ich der Erste war, war reiner Zufall.“ Tatsächlich hatte die Stadt bei Vertragsabschluss über die neue Umsatzpacht auf stichprobenartige Kontrollen hingewiesen. Wiesn-Chef Josef Schmid (49, CSU) sieht derweil keinen Anlass für Kontrollen in anderen Zelten, nur weil nun in einem Unregelmäßigkeiten aufgetaucht sind. „Aufgrund der bisherigen Prüfungen gibt es heuer keine weiteren Überprüfungen anderer Betriebe als die bereits erfolgten Stichproben.“

Ursprungsmeldung vom 26. September 2018

München - Löwenbräu-Wirt Wiggerl Hagn  (78) hat für sein Wiesn-Zelt im vergangenen Jahr möglicherweise zu wenig Umsatzpacht an die Stadt überwiesen. Die Behörden teilen mit, dass die „Überprüfungen der Umsätze im Jahr 2017 Anlass zu verschiedenen Nachprüfungen gegeben“ hätten. Hagn wird zwar von der Stadt nicht namentlich genannt, der Wirt bestätigt den Vorgang aber selbst gegenüber der tz

Vorstellbar ist, dass der Verwaltung der Unterschied zu den Umsätzen der anderen großen Zelte aufgefallen ist. Die Stadt hat allen Beschickern, die Umsatzpacht abführen müssen, bei Abschluss der Verträge angekündigt, dass die gemeldeten Umsätze nachgeprüft werden. Das erledigt ein Wirtschaftsprüfer im Auftrag der Stadt. Die Prüfungen seien aktuell noch nicht vollständig abgeschlossen. „Es steht daher auch noch nicht fest, ob ein Betrieb mit Nachforderungen rechnen muss und wie hoch diese dann ausfallen würden.“  

Löwenbräu-Wirt Hagn in der Kritik: „Ich wäre ja blöd, wenn ich bescheißen würde“

Hagn sagt, er wisse seit August von der Prüfung. Um einen Fehler handle es sich nicht: „Vielleicht ist es eine Meinungsverschiedenheit. Ich wäre ja blöd, wenn ich bescheißen würde.“ Er habe der Stadt im Februar angeboten, seine Zahlen ruhig genau zu kontrollieren. Wie hoch die fragliche Summe ist, will der Wirt nicht verraten. Konsequenzen für ihn sind offen. Denkbar sei bei einem Verstoß etwa ein Punktabzug für künftige Wiesn-Bewerbungen, so die Stadt. 

Die Umsatzpacht war 2017 eingeführt worden, um die gestiegenen Sicherheitskosten für das Oktoberfest zu refinanzieren. Zuvor hatten die Gastronomen lediglich eine Standgebühr entrichten müssen. Diese bemaß sich anhand der Fläche des Betriebes, nicht nach den Einnahmen. Die neue Pacht lag zunächst bei 5,1 Prozent des Nettoumsatzes und wurde in diesem Jahr auf 7,8 Prozent für die großen beziehungsweise 6,1 Prozent für die kleinen Zelte erhöht. Das hatte heuer erneut für Unmut bei den Wirten gesorgt. 

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wei/sb/ska

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