Ich bin halb so alt wie die Jubel-Wiesn

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Meine Wiesn ! Die 103-jährige Münchnerin Anna Hollweck ist glücklich, dass ihr Enkel sie mit auf das Oktoberfest genommen hat. Bislang war sie jedes Jahr hier.

München - Anna Hollweck ist 103 Jahre alt und damit beinahe halb so alt wie die Wiesn. Und noch heute besucht die lebenslustige Dame jedes Jahr das Oktoberfest.

Lass mich! Anna Hollweck drückt die Hand ihres Enkels weg. Sie kann die Mass selber heben. „Los! Alle Prost!“, ruft sie in die Runde. Die Tischnachbarn aus den USA parieren sofort und greifen zur Mass. Auch vom Nachbartisch tönt ein „Prost“ herüber.

Anna Hollweck hat den Biergarten des Schützenzelts in ihren Bann gezogen. Sie ist die Attraktion auf der Wiesn: Die Dame ist 103 Jahre alt! Halb so alt wie die Jubiläums-Wiesn! Seit die Münchnerin ein Kind ist, kommt sie hierher. Jedes Jahr. Erst seit 13 Jahren muss ihr Enkel Heinz Bergdoll (48) sie begleiten. Seit Wochen hat sich Anna Hollweck auf diesen Tag gefreut. Als ihr Enkel nachmittags im KWA-Pflegeheim Luise Kiesselbach ankommt, sitzt sie mit Jacke im Rollstuhl und ruft ihm entgegen: „Auf geht’s!“ Schon in der Schaustellerstraße leuchten ihre Augen. Immer wieder klatscht sie mit ihren Händen auf die Beine. Sie winkt einer Gruppe junger Burschen in Lederhosen zu, die bleiben gleich stehen und geben ihr die Hand. „Seid’s ihr fesch!“, flötet Anna.

Jubiläumswiesn: 200 Jahre Oktoberfest

Erinnerung an den legendären Franz Xaver Krenkl, der einst die Kutsche von Kronzprinz Ludwig im Englischen Garten überholte und dabei rief: "Majestät, wea ko, dea ko!" © Heinz Gebhardt
Franz Xaver Krenkl auf Leinwand. © Heinz Gebhardt
Postkarte der Ochsenbraterei. © Heinz Gebhardt
Eine gemalte Darstellung des Opernbrandes von 1823. Das Gebäude wurde auch mit Hilfe einer Oktoberfest-Biersteuer wieder aufgebaut. © Heinz Gebhardt
Oktoberfest 1823. Gemälde von Heinrich Adam, Stadtmuseum. © Heinz Gebhardt
Zwischen 1848 und 1850 wurde der Guss der Bavaria fertiggestellt. Die feierliche Enthüllung fand am 9. Oktober 1850 nach einem Festzug aller Gewerbe und Zünfte zur Theresienwiese statt und geriet erwartungsgemäß zu einer Huldigungsfeier für den abgedankten König Ludwig I. Auf dem Bild ist Erzgiesser Ferdinand von Miller mit der Totenmaske des Bildhauers Ludwig Schwanthaler zu sehen. © Heinz Gebhardt
Sensation in der Ochsenbraterei im Jahr 1881. © Heinz Gebhardt
Der Brand des Weinzelts im Jahr 1887. Es handelt sich um den bis heute größten Brand auf der Wiesn. Ein Bu­den­be­sitzer kam beim Ver­such, sei­ne Geld­kas­set­te zu ret­ten, zu To­de. © Heinz Gebhardt
Postkarte der Jubiläumswiesn von 1910. © Heinz Gebhardt
Eine Postkarte aus dem Jahr 1920. © Heinz Gebhardt
Hans Steyerer, Erfinder des Wiesn-Einzuges. © Heinz Gebhardt
Hans Steyrer 1890 vor seiner Oktoberfest-Bude. © Heinz Gebhardt
Der Wirt Steyerer Hans. © Heinz Gebhardt
Das Hippodrom in den 20er Jahren. © Heinz Gebhardt
Pferderennen auf dem Oktoberfest 1927. © Heinz Gebhardt
Tobbogan 1950. © Heinz Gebhardt
Oktoberfest-Anzapfen 1961. Spezialschlag von Thomas Wimmer. © Heinz Gebhardt
Erstes Oktoberfest-Anzapfen durch OB Thomas Wimmer im Jahr 1950. © Heinz Gebhardt
So wurden 1970 die Tageseinnahmen der Fischer-Vroni zu Bank gebracht. © Heinz Gebhardt/www.muenchenfoto.de
Das Anzapfen im Jahr 1971 geriet für OB Hans-Jochen Vogel ... © Heinz Gebhardt
... zum Bierschaumbad. © Heinz Gebhardt
Gerd Fröbe, Richard Süßmeier und Placido Domingo im Armbrustschützenzelt 1977. © Heinz Gebhardt
Zwiebelschneidert Weinzelt 1980. © Heinz Gebhardt/www.muenchenfoto.de
OB Erich Kiesl sagte 1980: "Obatzt is!" © Heinz Gebhardt
Richard Süßmeier parodiert 1984 Peter Gauweiler. © Heinz Gebhardt
Wiesn-Napoleon Richard Süßmeier © Heinz Gebhardt
Richard Süßmeier als Napoleon. © Heinz Gebhardt
Anzapf-Premiere für OB Christian Ude im Jahr 1992. Dabei ging der zweite Schlag daneben. © Heinz Gebhardt

Als sie an einem Souvenirstand vorbeikommen, wedelt die Seniorin mit den Armen. „Halt!“ Diesen grauen Filzhut, den will sie haben. Heinz Bergdoll versucht gar nicht, zu entgegen, dass dieser zu klein sei. Er weiß, dass ihr Dickschädel sich immer durchsetzt. In den sechziger und siebziger Jahren hat Anna Hollweck immer ihre Tochter besucht, die 20 Jahre in der Ochsenbraterei bedient hat. Anfangs mit ihrem Mann, als dieser 1966 früh verstarb, mit Freundinnen. Heute geht sie mit ihrem Enkel. „Es ist ja sonst keiner mehr da.“ Anna hat alle überlebt. Die meisten Besucher, die mit der Dame ins Gespräch kommen, schätzen sie auf Mitte 80.

Anna Hollweck braucht keine Brille, hat keine chronische Erkrankungen und ist geistig toppfit, nur die Ohren sind schon sehr schwach. Die Krankenkasse dankt ihr’s: Am 100. Geburtstag kamen Mitarbeiter mit Blumenstrauß und Naschkorb vorbei, im Gepäck die Akte von Hollweck. In 100 Jahren Mitgliedschaft hatte sie 90 Jahre keine einzige Leistung in Anspruch genommen! „Man lebt nur einmal“, ist das Lebensmotto der gebürtigen Münchnerin. Offenbar hat sie für sich das Rezept gefunden, dass es lange währt: „Jeden Morgen Melissengeist und viel Spaß haben.“

Bilder aus 200 Jahren Wiesn-Geschichte

Das Münchner Stadtmuseum erzählt mit „Das Oktoberfest 1810-2010“ von den 200 Jahren der Wiesn-Geschichte. Wir zeigen Ihnen exklusiv Bilder aus der Ausstellung.  © Schlaf
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Ein Spaßfoto mit Schirm in der Ochsenbraterei: Anna (r.) mit Bekannten 1976.

Anna Hollweck war eine Lebefrau: Sie reiste quer durch Europa, nach ihrer Hausmeisterarbeit in der Hans-Sachs-Straße feierte sie regelmäßig bis in die Morgenstunden mit den Gästen im Lokal nebenan. Bis heute ist sie glühender FC Bayern-Fan, fiebert sogar manchmal im Stadion mit. Anna Hollweck will noch immer viel vom Leben: „An ihrem 80. Geburtstag war sie sauer, weil wir sie um halb sechs in der Früh ins Bett gebracht haben,“ so ihr Enkel. Auch heute auf der Wiesn will die 103-Jährige nicht heim. Als die Sonne untergeht, muss sie unbedingt zum Toboggan, dort war sie schon als junges Madl. Immer wenn es einen Fahrgast auf den Hosenboden haut, wackelt Annas ganzer Rollstuhl, so sehr lacht die zierliche Frau. Dann zum Schichtl, und zum Riesenrad. Das muss jedes Jahr sein.

Früher habe sie sich einfach treiben lassen im „Rausch der Bavaria“, wie sie sagt. „Den hatte ich schon, wenn ich nur die Bavaria gesehen habe, und nach einer Mass war’s dann noch schöner.“ Nach einer kurzen Pause sagt sie: „So wie heute halt auch!“ Gegen 20 Uhr im Schützenzelt-Biergarten, als Heinz Bergdoll immer öfter gähnt, dreht Anna noch einmal auf. Ihr Hut rutscht vom Kopf. Da blitzen ihre Augen auf. „Den lass ich heut’ Abend im Bett an – dann erschreck ich die Nachtschwester.“

Die Wiesn-Bierpreise seit 1810

Entwicklung Bierpreis Oktoberfest
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Anna Hollweck fällt auf. Auch der Wirtin Claudia Reinbold. Sie kommt zum Tisch und fragt: „Schmeckt Ihnen unser Bier?“ – „Naa, i hätt’ lieber a Glasl Sekt“, so die ehrliche Antwort. Die Wirtin schluckt. Dann macht sie auf dem Absatz kehrt – und kommt wenige Minuten mit zwei Gläsern Sekt zurück. „Prost, Frau Hollweck“, sagt sie. Dieser lebenslustigen, herzlichen Dame kann heute auf der Wiesn keiner einen Wunsch ausschlagen.  

Nina Bautz

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