1. Oktoberfest
  2. Wiesn-News

Oktoberfest zu Krisenzeiten? So viel Energie schluckt die Wiesn - „Und wir alle sollen sparen“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Nadja Hoffmann, Leoni Billina

Kommentare

Germany Bavaria Munich View of Oktoberfest fair on Theresienwiese in the evening
Lang ist es her – ein Blick übers Oktoberfest in München. Dieses Jahr soll sie wieder stattfinden, doch dafür braucht es viel Energie. © Martin Siepmann/imago

Gasknappheit ist das dominante Thema, seitdem im Osten Krieg herrscht. Stellt sich die Frage: Wie viel Energie verbraucht eigentlich das Oktoberfest?

München - Die Strompreise steigen drastisch an. Und tatsächlich könnte Gas zu einem knappen Gut werden – die Unsicherheit, was die Energieversorgung im kommenden Herbst und Winter angeht, ist groß wie lange nicht mehr. Deutschlands größter Wohnungskonzern Vonovia hat bereits angekündigt, die Heizung nachts auf 17 Grad zu drosseln – auch tausende Münchner Haushalte sind davon betroffen. Die Stadtwerke reduzieren die Wassertemperatur in den Münchner Schwimmbädern auf 22 Grad. Energie ist ein teures Gut geworden, überall muss gespart werden.

Vieles hängt davon ab, ob durch die Gaspipeline Nordstream 1 ab der kommenden Woche wieder Gas aus Russland nach Deutschland fließt. Vor diesem Hintergrund kann unsere Leserin Heidi Döbereiner die Sorgen vor Energie-Rationierungen in den kommenden Monaten verstehen. Sie fragt sich aber, wie dazu das Oktoberfest passt. Festzelte mit einem immensen Verbrauch an Gas und Strom. Hinzukommen Fahrgeschäfte, die beleuchtet und angetrieben werden müssen sowie jede Menge Imbissbuden. Heidi Döbereiner stellt deshalb die Frage: „Wie viel Energie wird eigentlich für die Wiesn benötigt?“

In Dortmund das gleiche Problem. Wie Ruhr24.de berichtet, äußerte sich Patrick Arens, Vizepräsident des Bundesverbandes der Schausteller und Marktkaufleute, wie folgt: „Es kann nicht sein, dass es Pläne gibt, Volksfeste wegen Energieknappheit abzusagen.“

Oktoberfest 2022: Die Wiesn braucht als Spitzenleistung genauso viel Strom wie eine Kleinstadt

Diese Frage hat in der Vergangenheit allenfalls Experten beschäftigt. Im Jahr 2019, als das Oktoberfest und die Oide Wiesn vor der Corona-Pandemie bislang zuletzt stattgefunden haben, war Energieknappheit schlicht kein Thema. Damals ging alles seinen gewohnten Weg – mit den Stadtwerken als Partner.

Die haben wie üblich ein 62 Kilometer langes Netz gelegt, um die Beschicker – 750 Abnehmer – mit Ökostrom zu versorgen. Dazu gehören 16 oberirdische und drei unterirdische Trafostationen sowie 160 Verteilerkästen. Das Oktoberfest brummt und braucht als Spitzenleistung genauso viel Strom wie eine Kleinstadt mit 21.000 Einwohner. Konkret wurden an 16 Wiesn-Tagen drei Millionen Kilowattstunden Strom verbraucht. „Das entspricht dem Jahresbedarf von 1200 Haushalten oder 15 Prozent des Münchner Tagesbedarfs“, erklärten die Stadtwerke.

Für Kochen, Warmwasser und Bierzelte wurden 200.000 Kubikmeter Erdgas benötigt

Beim Gas wurden damals fünf Kilometer Netz gelegt. Für Kochen, Warmwasser und die Gartenheizungen der Bierzelte wurden 200.000 Kubikmeter Erdgas benötigt. So viel, wie 85 Einfamilienhäuser brauchen, um ein Jahr lang zu heizen und warmes Wasser zu haben. Immerhin: Die Biergärten vor den Zelten wollen die Wirte heuer nicht heizen. „Wir Wiesnwirte verzichten heuer auf die Heizstrahler in den Biergärten. Wir bauen sie gar nicht erst auf, damit niemand in Versuchung kommt“, sagte Wirtesprecher Christian Schottenhamel bei der Vorstellung des Wirtekrugs (s. Kasten). Damit wollen die Wirte in Zeiten der Energiekrise ein Zeichen setzen – auch für mehr Klimafreundlichkeit. „Alle müssen mehr sparen, da wollen auch wir unseren Beitrag leisten“, sagt Peter Inselkammer, Wirt vom Armbrustschützenzelt.

Oktoberfest 2022: Krug für Fröhlichkeit

Die Wiesnwirte haben im Seehaus im Englischen Garten den offiziellen Wirtekrug vorgestellt. „Mit dem Krug soll die Fröhlichkeit in den Mittelpunkt gestellt werden“, sagte Wirte-Sprecher Peter Inselkammer (Foto). Im Zentrum steht eine flotte Wiesn-Bedienung, die einen jede Menge Maßkrüge trägt. In Anlehnung an die barocke Lebensart hat der Künstler Rudi Skukalek (52) dazu alle 14 Bierzelte und das Weinzelt mit einem typischen Symbol auf dem Krug abgebildet. Für 29,99 Euro (44,99 Euro mit Deckel) wird man ihn in den Festzelten kaufen können. Infos, wie man ihn schon jetzt bestellen kann: www.wiesnwirte.de. leo/pp 

Ein notwendiger Schritt, findet Wiesn-Wirt Stephan Kuffler. „Dass ein Volksfest wie die Wiesn nicht ohne Energie auskommt, liegt auf der Hand“, sagt der Gastronom gegenüber unserer Zeitung. „Dass alle Beschicker darüber nachdenken müssen, wie man den Verbrauch reduzieren kann, steht ebenso fest. Der Verzicht auf Heizstrahler ist aus meiner Sicht ein vernünftiger Ansatz, den alle Gäste unter Verzicht auf Komfort und die Wirte unter Verzicht auf Umsatz gemeinsam tragen müssen.“ Die Wiesn als Ganzes will Kuffler trotz des immensen Energieverbrauchs aber nicht in Frage stellen. „Jedoch sollte man nicht auf alle Freizeitvergnügen, bei denen Energieverbrauch eine Rolle spielt, verzichten. Der eine kann gut ohne die Wiesn leben, der andere ohne Ski zu fahren. Aber genau deshalb sollte man nicht mit dem Finger auf andere zeigen und seine eigenen Passionen weiterhin pflegen. Wir brauchen weitere, vernünftige Ansätze, und es müssen alle zusammenhalten“, findet Kuffler. Und merkt an: „Tatsächlich ist der Energieverbrauch in den Massenverpflegung nachweislich deutlich geringer, als wenn jeder Haushalt seinen eigenen Ofen anmacht oder sich Essen nach Hause bestellt.“

Wiesn-Stadträtin Anja Berger sagt, sie freue sich über die Entscheidung der Wirte, die Heizstrahler abzuschaffen. „Da niemand weiß, wie es mit den Energielieferungen weitergeht, ist es schwer einzuschätzen, ob das ausreichen wird“, sagt die Grünen-Politikerin.

„Niemand denkt daran, dass das Oktoberfest einen riesigen Energiebedarf hat“

Ansonsten klang bei der Vorstellung des Wirtekrugs vor allem eines durch: Die Freude auf das Oktoberfest ist groß. Und Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) versicherte: „Es gibt keine Anzeichen für eine Absage!“ Die Stadt, die Wiesn-Stadträtin, der Wirtschaftsreferent und Wiesnchef stehen ganz demonstrativ hinter der Wiesn.

Das tat in gewisser Weise am Dienstag auch Markus Söder. Bayerns Ministerpräsident geht trotz des Krieges in der Ukraine samt Energiekrise und steigender Corona-Infektionszahlen von der Durchführung des Oktoberfestes aus. „Was ist schon sicher auf dieser Welt. Aber ich glaube, sie wird stattfinden, die Wiesn“, sagte der CSU-Chef im Interview mit „München.TV“. Die Reißleine könne ohnehin nur noch die Stadt München ziehen – der Freistaat werde das Fest nicht verbieten, sagte er.

Leserin Heidi Döbereiner fragt sich, wie sie die Entwicklungen der vergangenen Wochen zusammenbringen soll: „Wir alle sollen sparen, aber niemand denkt daran, dass das Oktoberfest einen riesigen Energiebedarf hat“, sagt sie. Der Industrie das Gas rationieren, zu Hause kälter duschen, im Festzelt aber wieder Halligalli? Für Heidi Döbereiner passen Volksfest und eine Energiekrise irgendwie nicht zusammen.

Kommentare