Wer regiert die Wiesn? So läuft das Millionen-Geschäft

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Ohne sie läuft auf dem größten Volksfest der Welt nichts: Der mächtige Wirtesprecher Toni Roiderer, Wirtschaftsreferent Dieter Reiter, Hans Spindler vom Tourismusamt – über seinen Tisch gehen alle Bewerbungen – und Hacker-Pschorr-/Paulaner Geschäftsführer Andreas Steinfatt

München - Promi-Wirt Sepp Krätz steht vor dem Aus, hinter den Kulissen ist der Kampf um sein Hippodrom voll entbrannt. Wer regiert die Wiesn? Die tz erklärt das Machtgefüge.

Ozapft is’ – mitten im Winter schäumen die Gerüchte um die Wiesn über. Promi-Wirt Sepp Krätz steht vor dem Aus, hinter den Kulissen ist der Kampf um sein Hippodrom lange vor der 179. Auflage im September voll entbrannt. Kein Wunder, Krätz sitzt auf einem lukrativen Erbe. Er bewirtet zwar das kleinste der 14 großen Zelte, doch er hat das Hippodrom zu einem der besten Adresse auf der Wiesn gemacht.

Die Könige der Wiesn

Festzelte Wirte Oktoberfest
Fischer Vroni: Hans Stadtmüller und Schwester Silvia zieht es nicht auf den roten Teppich, Wirt Hans dreht lieber auch mal selbst an den Steckerln seiner berühmten Fische. Er ist vor sieben Jahren in die Fußstapfen der legendären „Fischer- Vronis“, seiner Mutter Eva und deren Schwester Anita Schmid, getreten, die gestorben waren. Im Zelt finden 2800 Gäste Platz. © Westermann
Festzelte Wirte Oktoberfest
Winzerer Fähndl: Peter Pongratz mit Ehefrau Arabella: Seit 2010 ist Pongratz nicht nur Chef des größten Wiesn-Zeltes mit 8450 Sitzplätzen innen und 2450 im Garten, sondern auch Besitzer eines nagelneuen Zeltes mit technisch hochmodernem zentralen Bierzapfsystem. Der Wirt vom „Paulaner am Nockherberg“ hat das Winzerer Fähndl im Jahr 2003 übernommen. © Jantz
Festzelte Wirte Oktoberfest
Bräurosl: Der Vater von Georg Heide, der berühmte Willy Heide, hat das familienfreundliche Zelt mit seinen 6200 Plätzen 2001 an den Sohn übergeben. Dieser leitet es mit vergleichsweise großer Gelassenheit – weil er einfach ein solcher Typ ist, und weil ihm Frau Renate und Tochter Daniela zur Seite stehen. Den Rest des Jahres führt er die „Heide Vollm" in Planegg. © Kurzendörfer
Festzelte Wirte Oktoberfest
Augustinerzelt: Thomas Vollmer passt perfekt zu seinem bodenständigen und traditionellen Zelt (5600 Plätze). Er ist ruhiger als viele Kollegen und scheut den großen Medienrummel. Auch in der Hausbox ist er seltener anzutreffen. Im normalen Leben arbeitet er in der berühmten „Augustiner Bräustuben“ in der Fußgängerzone. © Kurzendörfer
Festzelte Wirte Oktoberfest
Hippodrom: Bei Sepp und Tina Krätz feiern die Reichen und Schönen. Und der Wirt ist Kult auf der Wiesn, genauso wie sein Zirkuszelt: Sepp Krätz, der Gastronom des Jahres, hat das Hippodrom zu einer Top-Adresse auf der Wiesn gemacht. Motto: klein und fein. Bei den 3000 Gästen kommt schon auch einmal Champagner in die Krüge. © Schlaf
Festzelte Wirte Oktoberfest
Schottenhamel: Christian, Peter und Michael Schottenhamel: In keinem Büro geht’s lustiger zu als bei der Männerbande der Schottenhamels. Peter und Christian sind nicht, wie oft vermutet, Vater und Sohn, sondern Cousins und veräppeln sich gerne gegenseitig. Mittlerweile ist auch Peters Halbbruder Michael im Boot. In ihrem Zelt (6000 Plätze) zapft der OB an. © Westermann
Festzelte Wirte Oktoberfest
Hofbräu Friedrich und Günter Steinberg haben Platz für 6800 Gäste. Kürzlich haben Günter und seine Frau Margot ein ehrliches Buch über Familienglück und Ehekrisen herausgebracht. Der Titel: „Maßvoll – ein Leben mit Bibel und Bier“. Die gläubige Familie ist in ihrem Zelt und auch in ihrem Hofbräukeller auf Harmonie bedacht. © Jantz
Festzelte Wirte Oktoberfest
Löwenbräu: Wiggerl Hagn (r.), Tochter Stephanie Spendler (l.) und Ehemann Michael sind die Chefs im Löwenbräu: Hagn ist ein echtes Münchner Wiesn-Kindl. Seine Eltern haben das Schützen- Festzelt aufgebaut. Logisch, dass auch er Wirt wurde: Seit 1979 gehört ihm das Löwenbräu-Zelt (6000 Plätze). Markantes Wahrzeichen: der 4,5 Meter große, brüllende Löwe. © Schlaf
Festzelte Wirte Oktoberfest
Käfer Wiesn-Schänke: Michael Käfer mit Ehefrau Clarissa (41) bieten 1164 Gästen Platz. Er ist der prominenteste Wirt auf der Wiesn, nicht zuletzt wegen seines Vaters, dem Feinkost-Mogul Gerd. In seiner kleinen Almhütte ist alles anders: Michael Käfer (52) empfängt tagtäglich dutzende Prominente und muss sich eher um Details kümmern als um große Logistik. © Westermann
Festzelte Wirte Oktoberfest
Ochsenbraterei: Nach dem Tod von Wirte-Legende Hermann Haberl im Februar 2011 betreiben seine Frau Anneliese und Tochter Antje Schneider allein die Ochsenbraterei (6000 Plätze). Der Ochs am Spieß ist eines der besten Essen auf der Wiesn. Die Haberls sind seit 1980 auf dem Oktoberfest und zählen zu den Urgesteinen. Bei ihnen fühlen sich vor allem Familien wohl. Die Ochsenbraterei ist auch das perfekte Ambiente für eine gemütliche Firmenfeier. © Schlaf
Festzelte Wirte Oktoberfest
Kufflers Weinzelt: „Wie verrückt muss man eigentlich sein, auf dem größten Bierzelt der Welt Wein zu verkaufen?“, erinnert sich Stephan Kuffler an die Zeit, als seine Eltern Roland und Doris das Zelt übernahmen. Das war 1984 – und das Konzept ging auf, das Weinzelt ist heute Kult. Hier feiern 2500 Wiesn-Nachtschwärmer bis 1 Uhr! Hoher Flirt- und Promifaktor zu später Stunde. © Kruse
Festzelte Wirte Oktoberfest
Armbrustschützen: Peter Inselkammer und seiner Familie gehört das halbe Münchner Platzl im Herzen der Stadt mit Hotel, Restaurant und Immobilien. Das Armbrustschützen- Zelt mit 5380 Plätzen führt Peters Familie schon seit 20 Jahren erfolgreich. Zu Kopf gestiegen ist ihnen dies alles nicht. Peter Inselkammers Frau Katharina entwirft nebenbei Wiesn-Schmuck. © Westermann
Festzelte Wirte Oktoberfest
Hackerzelt: In Toni Roiderers Hackerzelt, dem „Himmel der Bayern“, kocht die Stimmung schon ab der ersten Mass. Die Leute stehen gleich nach Einlass auf den Tischen. Der kultige Wirte- Sprecher Toni Roiderer hat mit seiner Frau Christl und den Söhnen Markus und Thomas das 7000-Mann-Zelt zu einem der beliebtesten auf der Wiesn gemacht. Einlass ohne Reservierung: so gut wie unmöglich! © Haag
Festzelte Wirte Oktoberfest
Schützen-Festzelt Edi Reinbold ist schon seit 30 Jahren auf der Wiesn. Sein Schützen-Festzelt liegt direkt zu Füßen der Bavaria. 4800 Gäste können hier in für Wiesn-Verhältnisse gediegen-gemütlichen Ambiente feiern. Das Essen, insbesondere das Spanferkel, ist hier ausgezeichnet. Mittlerweile ist auch Reinbolds Sohn Ludwig im Geschäft. © Jantz

Insgesamt fließen auf dem größten Volksfest der Welt 324 Millionen Euro Umsatz – die Nachfolge-Geschäfte wegen des immensen weltweiten Werbewerts noch nicht eingerechnet. Aber wer schafft eigentlich an im „Bier­fürstentum“ Theresienwiese, wie der „Schichtl“ Manfred Schauer die Wiesn süffisant nennt? Die tz erklärt das Machtgefüge.

Die Macht auf der Wiesn: Wie die Vergabe der Zelte wirklich läuft

Ein Mann hat gleich in sechs großen Zelten was zu sagen: Andreas Steinfatt, der Chef der Brauereigruppe Hacker /Pschorr/Paulaner. Ihr gehören drei Zelte, in drei weiteren stellen sie die Bierfässer. Das Machtgefüge Wiesn ist eng verflochten. Steinfatt arbeitet eng mit seinem Spezl Toni Roiderer zusammen, der das Hackerzelt zu einem der erfolgreichsten auf der Theresienwiese gemacht hat. Als Wirtesprecher hat Roiderer einen direkten Draht zum Rathaus. Hier stand jahrelang Tourismus-Direktorin Gabi Weishäupl im Rampenlicht. Die gehört zum Wirtschaftsreferat von Dieter Reiter, der sich inzwischen immer stärker in die Geschäfte einmischt. Das ist nur logisch: Denn Reiter, der 2014 Christian Ude als OB beerben will, hat erkannt, dass man sich als Politiker in München mit der Wiesn am besten profilieren kann. Dazu braucht er aber Vollprofis in seinem Rücken. So gibt es zwei einflussreiche Herren, die kaum einer kennt: Hans Spindler, Chef der Veranstaltungsabteilung, und seinen Vize André Listing. Über ihre Tische wandern alle Bewerbungen. Letztlich muss der Stadtrat zustimmen – und so läuft die Vergabe:

Wem gehören die Zelte?

Diese Frage ist genau genommen zweitrangig. Denn ein Großteil der Bierhallen ist heutzutage einfach von Zeltbaufirmen geleast. Diese sind dann auch die Inhaber. So gesehen geht es also nie um die Vergabe des Zeltes auf dem Oktoberfest. Wiesn-Stadtrat Helmut Schmid: „Die Stadt vergibt nur den Platz an einen Wirt, der sich beworben hat.“

Wer entscheidet über die Vergabe?

Hier spielen die Brauereien eine riesige Rolle. Schon ganz früh wurde festgelegt, dass jede der sechs Münchner Brauereien ein Zelt führen darf. Hacker-Pschorr hat zwei Zelte, da diese Brauerei früher noch zweigeteilt war. Sie schlagen dann auch der Stadt einen Wirt vor. Dieser muss sich dann bewerben. Ähnliches gilt für die schützengeführten Zelte Armbrustschützen-Zelt und Schützen-Festzelt. Hier hat der jeweilige Schützenverband das Vorschlagsrecht für einen Wirt. Bei den übrigen fünf Zelten bewerben sich die Wirte mit einem eigenen Zelt direkt bei der Stadt. Alle Bewerbungen gehen bei der Veranstaltungsabteilung des Wirtschaftsreferates ein und wandern über den Tisch von Spindler und Listing.

So gesehen ist der Wahrheitsgehalt des Gerüchts, dass Augustiner das Hippodrom von Sepp Krätz kaufen soll, allein schon sehr fragwürdig. Warum sollte Augustiner als einzige Brauerei ein zweites Zelt bekommen?

Wie läuft die Vergabe an die Wirte?

Früher entschied sich die Vergabe der Wiesn-Zelte an die Wirte vorallem nach der Frage, welcher Wirt bewährt und bekannt ist. „In den vergangenen Jahrzehnten aber wurde das System erheblich erweitert“, erklärt Wiesn-Stadtrat Schmid. „Das liegt auch dran, dass es viele Gerichtsentscheidungen dazu gab, die von Bewerbungskonkurrenten erstritten wurden.“ Heute gäbe es eine Ausschreibung, die dem Wettbewerbsrecht unterliegt. Die Bewerbung, die bis zum 31. Dezember abgegeben werden muss, wird jetzt nach elf Kriterien und wiederum vielen Unterpunkten bewertet. Einige Punkte werden doppelt multipliziert, einige vierfach. Der Punktegewinner bekommt dann den Zuschlag.

„Kriterien sind zum Beispiel die Volksfesterfahrung, der Finanzierungsnachweis, die Vertragserfüllung den bisherigen Partnern gegenüber und etwa die Schlüssigkeit des Konzepts“, sagt Schmid. Theoretisch kann sich also auch der Wirt aus der Kneipe nebenan bewerben – da scheitert’s dann aber wohl an dem Finanzierungsnachweis. „Er muss schon einige Millionen in die Waagschale werfen können“, sagt Schmid und fügt hinzu. „Ein Wirt muss nicht aus München oder Oberbayern kommen, nur der Bierausschank ist auf Münchner Brauereien beschränkt.“

Welche Brauerei darf wo ausschenken?

Prinzipiell entscheidet der Wirt selbst, welches Bier ausgeschenkt wird. Er schließt dann einen Vertrag mit der Brauerei. Die Stadt schaut nur darauf, dass das Verhältnis insgesamt ausgewogen ist.

Nina Bautz, Christina Schmelzer, Andreas Beez

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