Volksfeste: Schausteller beklagen "Ballermannisierung"

München - Schausteller sind auf Volksfesten ins Hintertreffen geraten und klagen über eine um sich greifende „Ballermannisierung“. Wie der Münchner Merkur berichtet wollen sie ihnen nun Weltkulturerbe-Status verschaffen.

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Es sind die Tage der Schausteller und Festzeltwirte. Das Rosenheimer Herbstfest ist gerade vorüber, das Münchner Oktoberfest als weltgrößtes Volksfest brodelt und der Cannstatter Wasen als Nummer fünf der deutschen Volksfeste beginnt soeben. Die Volksfest-Saison erlebt ihre alljährlichen Höhepunkte. Während sich Brauereien an solchen Veranstaltungen berauschen, haben Karussellbesitzer aber zu kämpfen. „Da geht eine imaginäre Linie durch den Festplatz“, sagt Albert Ritter über die beiden Gruppen und spricht von einer Zweiklassengesellschaft. Er ist Präsident des Deutschen Schaustellerbunds (DSB) und sieht seinen Stand im Hintertreffen.

Bayern oder Ballermann: Wiesn-Zelte im Vergleich

Für die Prominenz: Das Hippodrom steht direkt am Haupteingang zur Wiesn und versteht sich als Promi-Zelt. Hier kuschelt Heino mit Hannelore, und vor dem Eingang stehen Marianne und Michael mit dem gemeinen Volk in der Schlange. © 
Für die Prominenz: Noch exklusiver geht es in Käfer's Wiesnschänke zu. Hier geben sich Fußballer des FC Bayern ebenso die Ehre wie Werbe-Ikone Verona Pooth oder Ralph Siegel. Im vergangenen Jahr feierten Lothar Matthäus und seine vierte Frau Liliana noch zusammen. Neben der Wiesn-Maß gibt es auch Wein und Champagner. © 
Für die Jugend: Eröffnet wird das größte Volksfest der Welt traditionell im Schottenhamel. Hier sticht Münchens Oberbürgermeister Christian Ude alle Jahre wieder vor den Augen der bayerischen Politprominenz das erste Fass an. Überwiegend strömen junge, feierfreudige Menschen aus München und Umgebung in das Zelt © 
Für die  Jugend: Ebenso beliebt beim Nachwuchs ist das Hacker-Festzelt mit dem Namen “Himmel der Bayern“. Mit seiner weiß-blauen Decke und kleinen Wölkchen ist es eines der schönsten Zelte auf der Wiesn. © 
Für die Reiferen: Bei der Fischer Vroni gibt es eine bayerische Spezialität, die sich kein Wiesn-Besucher entgehen lassen sollte: leckeren Steckerlfisch. In diesem vergleichsweise kleinen Festzelt feiern gerne ältere Gäste, aber auch Touristen. © 
Für die Reiferen: Im Pschorr-Traditionszelt Bräurosl geht es ebenfalls vergleichsweise urig und gemütlich zu - mit Ausnahme des ersten Wiesn-Sonntags. Dann feiern hier tausende Homosexuelle den “GaySunday“. Der Name Bräurosl stammt von der Tochter des früheren Brauereibesitzers Pschorr. © 
Für die Touristen aus aller Welt: Mit einer Fläche von mehr als 5000 Quadratmetern ist das Hofbräu-Festzelt nach eigenen Angaben das zweitgrößte Festzelt auf der Wiesn - und wohl das lauteste. Schon am frühen Morgen, bevor die Musik anfängt, ist das Gröhlen aus dem Zelt auf dem ganzen Festplatz zu hören. Hier treffen sich vor allem Touristen aus aller Welt, die das Bier schon aus dem Hofbräuhaus kennen - und lieben. Hier wird getrunken, getanzt, gesungen und geknutscht. © 
Für die Münchner: Das Augustiner-Zelt liegt schräg gegenüber des Hofbräu-Zelts. Während auf der anderen Straßenseite Australier, Italiener und Japaner um die Wette trinken, feiern im Zelt der ältesten Münchner Brauerei vor allem Münchner sich selbst und die bayerische Gemütlichkeit. Nur hier wird das Bier noch aus traditionellen Holzfässern gezapft, den Hirschen. Doch auch im Augustiner tanzt man auf den Bierbänken, die rund 6000 Besuchern Platz bieten. Zur Jubiläums-Wiesn bekommt das Augustiner-Zelt zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder einen 25 Meter hohen Turm. © 
Für die übrigen Bayern: Das Armbrustschützenzelt stand schon im Jahr 1895 auf dem Oktoberfest, die Boxen und Balkone sind nach heimischen Tieren benannt: Von A wie Adler bis W wie Wildsau. Hier wird die Schützen-Tradition hochgehalten. In einem Zeltanbau gibt es eine 30 Meter lange Schießbahn, auf der seit 1935 während der Wiesn die Deutschen Armbrust-Meisterschaften ausgeschossen werden. © 
Für die übrigen Bayern: Auch im Schützenzelt werden urbayerische Gemütlichkeit und Feierfreude in Ehren gehalten. Zum Löwenbräu-Bier wird die Spezialität des Hauses serviert: in Malzbier gebratenes Spanferkel. © 
Für die übrigen Bayern: Zünftig geht es in der Ochsenbraterei zu. Ein großer Ochse am Spieß ist nicht nur die Dekoration über dem Eingang, sondern auch die wichtigste Attraktion im Innern dieses Festzelts. Seit fast 130 Jahren werden hier jedes Jahr ganze Ochsen am Stück gebraten. Auf einer großen Tafel lesen die Gäste den Namen des Ochsen, der sich gerade am Spieß dreht. © 
Für jeden: Gaudi für jeden, egal woher, egal wie alt, heißt es in der Löwenbräu-Festhalle. Ein großer Löwe über dem Eingang brüllt “Löööööwenbrääääu“ und zieht damit Einheimische und “Zuagroaste“ gleichermaßen an. Mit mehr als 8000 Plätzen gehört die Festhalle zu den größeren Zelten. © 
Für jeden: Das Winzerer Fähndl kommt in diesem Jahr in neuem Gewand daher. Zur Jubiläums-Wiesn leistete sich die Paulaner-Brauerei einen kompletten Neubau. Als erstes Festzelt bekommt das Winzerer Fähndl eine zentrale Bierversorgung: Eine Ringleitung im Boden garantiert, dass der Bierfluss nicht ins Stocken gerät. © 
Für Biermuffel: Auf dem größten Bierfest der Welt gibt es tatsächlich ein Festzelt, in dem das Bier nicht in Maß-Krügen ausgeschenkt wird: Im Weinzelt gibt es nur Paulaner-Weißbier, Wein und Champagner. Gesungen und gefeiert wird hier trotzdem. “Fesche Madln haben ihren Spaß an den vielen Bars und fesche Burschen an den Madln“, wirbt die Homepage. © 

Schausteller bemängeln eine um sich greifende „Ballermannisierung“ der Volksfeste. Die Übermacht der Bierseligkeit beschert Festzelten klingelnde Kassen, drängt Fahrgeschäfte aber oft an den Rand. Vor allem bei schlechtem Wetter stehen Schausteller im Regen, während in Bierburgen weiter der Rubel rollt. Rund drei Milliarden Euro setzt die rund 5000 Betriebe zählende Schaustellerschaft bundesweit auf wohl noch knapp 12 000 deutschen Volksfesten um. Die Besitzer von Achterbahn & Co sind froh, dass diese Größenordnung zuletzt stabil geblieben ist. In den 80er-Jahren waren es in der Spitze einmal vier Milliarden Euro. Mehr als Stagnation war aber auch in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs nicht drin.

„Wir haben immer öfter Insolvenzen“, sagt Ritter über sein von Familienbetrieben geprägtes Gewerbe. Es darben vor allem die Besitzer von Kinderfahrgeschäften, weil es hierzulande immer weniger Nachwuchs gibt. Auch spektakuläre Attraktionen sind kein Selbstläufer mehr. Ein Fanal in der Branche war es, als ein Kollege Ritters jüngst eine Großachterbahn nach Russland hat verkaufen müssen, weil sie in Deutschland nicht mehr rentabel zu betreiben war. Und auch die Zahl der Volksfeste schrumpft. 300 bis 400 vor allem kleine Veranstaltungen habe es im letzten Jahrzehnt erwischt, sagt Ritter.

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Große Volksfeste wie das Oktoberfest laufen gut, räumen die Schausteller ein. Aber dort sind die Standplätze umkämpft. Wer auf kleinen Festen tingelt, kommt leicht in Schwierigkeiten, zumal Kommunen in letzter Zeit immer häufiger versuchen, leere Stadtsäckel durch ein Drehen an der Gebührenschraube zu füllen, klagt der DSB.

„An einem großen Volksfest verdient eine ganze Region, über Gebühren bezahlt wird es aber nur von Schaustellern und Wirten“, klagt Ritter. Das Beispiel Oktoberfest verdeutlicht die Strahlkraft von Großveranstaltungen. Den Wirtschaftswert der Wiesn taxiert das Tourismusamt der Isarmetropole auf rund eine Milliarde Euro. Davon wird aber nur gut ein Drittel auf dem Oktoberfest selbst ausgegeben. Über 600 Millionen Euro lassen Besucher für Verpflegung, Einkäufe, Taxifahrten oder Übernachtung anderswo in der Stadt.

Bei Schaustellern kommt unter dem Strich relativ wenig an. Jetzt sieht die Branche aber einen Hoffnungsschimmer. Das etwas sperrige Zauberwort heißt immaterieller Kulturerbestatus, verliehen durch die Unesco in Paris. Soeben habe die Bundesregierung dem DSB nach jahrelangem Ringen zugesagt, bei der UN-Organisation einen entsprechenden Grundsatzantrag zu stellen. Dann könnten Kommunen besonders traditionsbehaftete Feste als Weltkulturerbe schützen lassen, sagt Ritter. Davon verspricht er sich auch einen Schutz für die Feste in ihrem ursprünglichen Ambiente und weniger Ballermann. Das würde der Schaustellerei zugutekommen. Er kenne einige Bürgermeister in Deutschland, die bei der Unesco sofort einen Antrag für ihr Volksfest stellen würden, sobald das möglich wird, meint der Schaustellerpräsident. Dann bestehe die Chance, Volksfeste wieder familienfreundlicher zu machen und auch Ü50-tauglich.

Thomas Magenheim-Hörmann

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