Stadt misstraut Tisch-Vergabe

Agentur versteigert hunderte Wiesn-Plätze

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Dieter Reiter

München - Der Ärger über die neue Reservierungsregel auf der Wiesn spitzt sich zu: Wiesn-Chef Dieter Reiter kündigte an, die Tisch-Vergabe durch die Wirte zu prüfen. Und er hat eine Agentur im Visier, die hunderte Plätze versteigert.

Seit 20 Jahren kommen die Mitarbeiter des „W.A.F. Instituts für Betriebsräte-Fortbildung aus Feldafing am Starnberger See ins Löwenbräuzelt, um auf reservierten Plätzen zu schunkeln. Heuer jedoch ist Schluss mit lustig: Weil wegen der im Dezember beschlossenen Reservierungsreform weniger Tische für Vormerkungen zur Verfügung stehen, sind die 25 Mitarbeiter leer ausgegangen.

Ihrem Unmut haben sie nun in einem Schreiben an

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Wirtschaftsreferent Dieter Reiter (SPD) Luft gemacht: „Wir sind enttäuscht von Ihrer Biertisch-Politik, die für uns keinerlei Sinn ergibt“, heißt es in dem Brief an den Oberbürgermeisterkandidaten, der die neue Reservierungsregel angestoßen hatte. In der Absicht, spontanen Wiesngängern die Platzsuche zu erleichtern.

Die W.A.F.-Mitarbeiter kritisieren, die neue Reservierungsregel treffe nicht die „Großkopferten“, die viele Tische reservierten, sondern vor allem kleine und mittelständische Unternehmen. „Wir sind 20 festangestellte Frauen und fünf Männer. Viele der Frauen sind Mütter von kleinen Kindern, die diese Einladung als einzige Möglichkeit nutzten, die Wiesn zu besuchen.“

Dieter Reiter kann den Unmut zwar verstehen, will sich aber nicht den Schwarzen Peter zuschieben lassen: „Ich kenne die Kriterien nicht, nach denen die Wirte die Reservierungen vergeben. Und ich kann nicht immer nachvollziehen, warum ausgerechnet jene leer ausgehen, die bisher ein bis zwei Tische reserviert hatten.“

Reiter weist darauf hin, dass die Berliner Agentur „Tab Ticketbroker“ mehrere hundert Plätze zur Verfügung habe und diese meistbietend verkaufe. „Da kostet ein Tisch mehr als 3000 Euro!“, sagt Reiter. Er frage sich, wie diese Ticketvermittlungsagentur an die Tische komme: „Verkaufen die Wirte selbst Kontingente an dieses Unternehmen? Oder geben Unternehmen, die reserviert haben, die Tische an diese Agentur weiter? Darüber kann ich nur spekulieren. Aber irgendwoher müssen die Tische ja kommen.“

Er sieht die Wirte in der Pflicht: „Die müssen sich überlegen, wie überprüft werden kann, ob jene, die in nennenswerter Zahl Plätze reservieren, diese auch selbst besetzen oder an einen Ticketbroker geben.“ Reiter kündigt an, sich die Vergabepraxis heuer genau anzuschauen: „Wir werden ganz intensiv beobachten, wer auf welchen Plätzen sitzt und wer wo reserviert hat.“

Bayern oder Ballermann: Wiesn-Zelte im Vergleich

Bayern oder Ballermann: Wiesn-Zelte im Vergleich

Für die Prominenz: Das Hippodrom steht direkt am Haupteingang zur Wiesn und versteht sich als Promi-Zelt. Hier kuschelt Heino mit Hannelore, und vor dem Eingang stehen Marianne und Michael mit dem gemeinen Volk in der Schlange.
Für die Prominenz: Noch exklusiver geht es in Käfer's Wiesnschänke zu. Hier geben sich Fußballer des FC Bayern ebenso die Ehre wie Werbe-Ikone Verona Pooth oder Ralph Siegel. Im vergangenen Jahr feierten Lothar Matthäus und seine vierte Frau Liliana noch zusammen. Neben der Wiesn-Maß gibt es auch Wein und Champagner.
Für die Jugend: Eröffnet wird das größte Volksfest der Welt traditionell im Schottenhamel. Hier sticht Münchens Oberbürgermeister Christian Ude alle Jahre wieder vor den Augen der bayerischen Politprominenz das erste Fass an. Überwiegend strömen junge, feierfreudige Menschen aus München und Umgebung in das Zelt
Für die  Jugend: Ebenso beliebt beim Nachwuchs ist das Hacker-Festzelt mit dem Namen “Himmel der Bayern“. Mit seiner weiß-blauen Decke und kleinen Wölkchen ist es eines der schönsten Zelte auf der Wiesn.
Für die Reiferen: Bei der Fischer Vroni gibt es eine bayerische Spezialität, die sich kein Wiesn-Besucher entgehen lassen sollte: leckeren Steckerlfisch. In diesem vergleichsweise kleinen Festzelt feiern gerne ältere Gäste, aber auch Touristen.
Für die Reiferen: Im Pschorr-Traditionszelt Bräurosl geht es ebenfalls vergleichsweise urig und gemütlich zu - mit Ausnahme des ersten Wiesn-Sonntags. Dann feiern hier tausende Homosexuelle den “GaySunday“. Der Name Bräurosl stammt von der Tochter des früheren Brauereibesitzers Pschorr.
Für die Touristen aus aller Welt: Mit einer Fläche von mehr als 5000 Quadratmetern ist das Hofbräu-Festzelt nach eigenen Angaben das zweitgrößte Festzelt auf der Wiesn - und wohl das lauteste. Schon am frühen Morgen, bevor die Musik anfängt, ist das Gröhlen aus dem Zelt auf dem ganzen Festplatz zu hören. Hier treffen sich vor allem Touristen aus aller Welt, die das Bier schon aus dem Hofbräuhaus kennen - und lieben. Hier wird getrunken, getanzt, gesungen und geknutscht.
Für die Münchner: Das Augustiner-Zelt liegt schräg gegenüber des Hofbräu-Zelts. Während auf der anderen Straßenseite Australier, Italiener und Japaner um die Wette trinken, feiern im Zelt der ältesten Münchner Brauerei vor allem Münchner sich selbst und die bayerische Gemütlichkeit. Nur hier wird das Bier noch aus traditionellen Holzfässern gezapft, den Hirschen. Doch auch im Augustiner tanzt man auf den Bierbänken, die rund 6000 Besuchern Platz bieten. Zur Jubiläums-Wiesn bekommt das Augustiner-Zelt zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder einen 25 Meter hohen Turm.
Für die übrigen Bayern: Das Armbrustschützenzelt stand schon im Jahr 1895 auf dem Oktoberfest, die Boxen und Balkone sind nach heimischen Tieren benannt: Von A wie Adler bis W wie Wildsau. Hier wird die Schützen-Tradition hochgehalten. In einem Zeltanbau gibt es eine 30 Meter lange Schießbahn, auf der seit 1935 während der Wiesn die Deutschen Armbrust-Meisterschaften ausgeschossen werden.
Für die übrigen Bayern: Auch im Schützenzelt werden urbayerische Gemütlichkeit und Feierfreude in Ehren gehalten. Zum Löwenbräu-Bier wird die Spezialität des Hauses serviert: in Malzbier gebratenes Spanferkel.
Für die übrigen Bayern: Zünftig geht es in der Ochsenbraterei zu. Ein großer Ochse am Spieß ist nicht nur die Dekoration über dem Eingang, sondern auch die wichtigste Attraktion im Innern dieses Festzelts. Seit fast 130 Jahren werden hier jedes Jahr ganze Ochsen am Stück gebraten. Auf einer großen Tafel lesen die Gäste den Namen des Ochsen, der sich gerade am Spieß dreht.
Für jeden: Gaudi für jeden, egal woher, egal wie alt, heißt es in der Löwenbräu-Festhalle. Ein großer Löwe über dem Eingang brüllt “Löööööwenbrääääu“ und zieht damit Einheimische und “Zuagroaste“ gleichermaßen an. Mit mehr als 8000 Plätzen gehört die Festhalle zu den größeren Zelten.
Für jeden: Das Winzerer Fähndl kommt in diesem Jahr in neuem Gewand daher. Zur Jubiläums-Wiesn leistete sich die Paulaner-Brauerei einen kompletten Neubau. Als erstes Festzelt bekommt das Winzerer Fähndl eine zentrale Bierversorgung: Eine Ringleitung im Boden garantiert, dass der Bierfluss nicht ins Stocken gerät.
Für Biermuffel: Auf dem größten Bierfest der Welt gibt es tatsächlich ein Festzelt, in dem das Bier nicht in Maß-Krügen ausgeschenkt wird: Im Weinzelt gibt es nur Paulaner-Weißbier, Wein und Champagner. Gesungen und gefeiert wird hier trotzdem. “Fesche Madln haben ihren Spaß an den vielen Bars und fesche Burschen an den Madln“, wirbt die Homepage.

Wirtesprecher Toni Roiderer kontert: „Wir sind Partner der Stadt, kein Gegner! Und wir lassen uns jetzt nicht den Schwarzen Peter zuschieben. Der Stadtrat hat die Reform beschlossen und dazu muss Herr Reiter jetzt auch stehen.“ Der Zusammenhang zwischen der neuen Reservierungspraxis und der Schwarzmarktbildung liegt für den Hackerzelt-Wirt auf der Hand: „Je weniger Plätze zur Verfügung stehen, desto mehr werden auf dem Schwarzmarkt verkauft. Darauf haben wir auch im Vorfeld deutlich hingewiesen.“

Roiderer hält es für utopisch, den Schwarzmarkt kontrollieren zu können. Präventiv hat er bereits zu Jahresbeginn ein Schreiben an seine Gäste geschickt, indem er vor jenen warnt, „die sich durch die Weitergabe der Tische zu überhöhten Preisen bereichern wollen“. Er bittet seine Kunden darum, sich nicht auf diese „unlauteren Angebote“ einzulassen. Roiderer muss nicht spekulieren, wie Ticketbroker an die Tische kommen: „Da läuft viel über Firmen, die einen Teil ihrer reservierten Plätze verkaufen.“

Die Berliner Agentur „Tab Ticketbroker“ bestätigt das: „Firmen, die von acht Tischen nur sieben nutzen, geben an uns den überschüssigen weiter und wir vermitteln diesen dann für die Firma“, erklärt Geschäftsführer Florian Kosak. Es sei korrekt, dass ein Tisch am Samstagabend, zum Beispiel in der Ochsenbraterei, bis zu 3200 Euro koste.

Roiderer betont, auf eine gerechte Verteilung der Tische zu achten: „Wenn einer nur einen Tisch hat, dann nehme ich ihm den nicht weg. Wenn einer 40 Tische hat, kann ich ihm ja sechs oder acht nehmen.“

Auch Wiggerl Hagn vom Löwenbräuzelt sagt: „Bei uns hat es jeden getroffen. Stammgäste, die seit 40 Jahren kommen und Firmen mit bis zu zehn Tischen.“ Im Hofbräuzelt treffe es vor allem neue Gäste, sagt Ricky Steinberg: „Die haben gar keine Chance auf eine Abendreservierung.“ Seine Stammgäste frage er, ob sie auch dann kämen, wenn nur 60 statt 80 Plätze zur Verfügung stünden: „Die meisten sind heilfroh, dass sie überhaupt noch Plätze kriegen.“

Bettina Stuhlweissenburg

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