Ist Oktoberfest zum Fasching verkommen?

„Ja, oamoi werd i scho naus schauen“: Münchner Simon Pearce über sein gespaltenes Verhältnis zur Wiesn

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Comedian Simon Pearce.

Ist das Oktoberfest nicht mehr das Münchner Volksfest, das es einmal war? Ist es zum Fasching verkommen? Der Münchner Comedian Simon Pearce schreibt in seinem Gastbeitrag über sein gespaltenes Verhältnis zur Wiesn.

Ich hab ja, wie wahrscheinlich viele Münchener, ein leicht gespaltenes Verhältnis zur Wiesn. Es gibt immer so zwei, drei Momente im Jahr, wo man keinen Bock drauf hat, wo man denkt, es ist irgendwie zu viel, irgendwie zu einem großen Fasching verkommen, irgendwie nicht mehr das Münchener Volksfest, wo man als Kind mit seinen Eltern am liebsten den ganzen Nachmittag vor dem Löwenbrau-Löwen gestanden und Karies und Baktus mit dem Zucker der gebrannten Mandeln versorgt hatte. Nicht mehr das Fest des ersten dramatischen Liebeskummers im Radlerrausch.

Ich hab diese Momente zum Beispiel, wenn ich in Siegen im Supermarkt stehe und da ein „Original-Wiesen (sic!)-Outfit“ für 34,95 Euro feil geboten wird. Plastiklederhosn in Plastik verschweißt. Da schütteln sie sogar im Primark mit dem Kopf. 

Ich hab diese Momente auch, wenn ich während der Wiesn nachts mit dem Zug am Münchener Hauptbahnhof einfahre, geschafft und müde von einem Auftritt im Münchener Umland und die After-Wiesn-Walking-Dead, die jeden Hochseematrosen im Kampf gegen die Wellen wie einen Ballettänzer aussehen lassen, ihre letzten Schritte in die Würdelosigkeit wanken. In diesen Momenten hör ich mich denken: „Na, des is nimma mei Wiesn, da hock ich mich lieber in meiner Lederhosn in a Boazn“. 

Da will ich dann den Touristen das Feld überlassen. Wiesn-Boykott! Das dauert aber nie lange. „Ja, oamoi werd i scho naus schauen.“ Man versucht noch Widerwillen zu suggerieren. Es soll sich anfühlen wie der Pflichtbesuch der Großtante im Altenheim, bei dem man ständig auf die Uhr schaut und runterzählt, bis die Anstands-halbe-Stunde rum ist. Selbst auf dem Weg über das Oktoberfest, wenn man sich durch die Massen schiebt, durch wabernde Alkoholfahnen und vorbei an glasigen Augen, musikalisch untermalt von den sogenannten Wiesen-Hits, die aus den Zelten wummern, versucht man sich noch Skepsis einzureden. Es klappt aber nicht. Die Vorfreude bricht durch. 

Ich trage natürlich doch meine Lederhosn und nicht die neue „Münchener Tracht“, bestehend aus Jeans und T-Shirt (weil man „da nicht mehr mitmachen will“). Und wenn ich meinen Fokus etwas verschiebe, sehe ich nicht nur glasige Augen von Mittags-Wiesn-Opfern, sondern mindestens genauso viele strahlende, von kleinen Kindern, die mit Luftballon und Zuckerwatte bewaffnet ihren Eltern auf dem Heimweg vom Flohzirkus und vom Autoscooter berichten und es riecht nach Steckerlfisch und Hendl. 

Spätestens, wenn ich im Biergarten ankomme, geht die Skepsis gegen Null. Da versteh ich dann höchstens nimma, wie man diese Lieder all mitsingen kann, aber sollen sie halt singen, es zwingt mich ja keiner mitzusingen. Ich setz mich an einen freien Platz und führe den üblichen Dialog mit einem Kölner Gasttrinker: „Dat sieht schon klasse aus, so einer, wie Sie in ner Lederhose“. 

Ich: „A Münchner? Ja, das ist selten geworden“. 

Der Kölner: „Nee, ich meine, Ihrer ursprünglichen Herkunft“.

Ich weiß, dass er nicht von meiner Heimat Puchheim redet. Aber es ist wurscht, er meint es ja nicht böse. Ja, mein Bier kommt und jetzt sind wir einfach nur zwei Menschen, die einen unbändigen Durst haben. 

Ein Prosit der Gemütlichkeit und runter mit dem Trank der bayerischen Völkerverständigung. Ein paar Stunden latsche ich mit leicht glasigem Blick nach Hause und ich summe „Sierra Madre“ vor mich hin. 

„Morgen naus?“, erscheint auf meinem Handy. Ich tippe „logisch“, bevor ich es denken kann und freu mich auf einen weiteren Besuch bei der irgendwie doch ganz netten Großtante. 

Mei is des schee! Auf a friedliche Wiesn!

Diesen Gastbeitrag schrieb der Münchner Comedian Simon Pearce exklusiv für tz.de und Merkur.de. Lesen Sie hier Pearce‘ Gastbeitrag, der im Herbst 2015 weit über München hinaus Gesprächsthema war. Er schrieb darin an die Münchner, die glauben, in einer toleranten Stadt zu leben.  

Wenn Sie Pearce live in München sehen wollen, können Sie Karten für seine Auftritte im Lustspielhaus kaufen (22. November). Weitere Termine in Bayern lesen Sie auf seiner Internetseite

Simon Pearce im Video: „Das macht dem Münchner Comedian auf dem Oktoberfest Angst“

Lesen Sie auf tz.de weitere spannende, ehrliche und mutige Gastbeiträge zum Thema Oktoberfest

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